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metalabor zwölf

Werkstatt

Was geschieht, wenn Denken, Sprechen und Schreiben ineinander übergehen? Der Text umkreist das metalabor als Schreibwerkstatt, in der Gesprochenes zu Text wird und Text wieder zu Gespräch. Er fragt, was Menschen ins metalabor mitbringen und wie eine Gabe in Bewegung bleibt, und er endet mit einer Einladung, mitzuschreiben.

eine werkstatt ist eine werkstatt ist ein Beutel. the tool that brings energy home. werk und statt. flusser zählt auf was jemand braucht um zu schreiben: eine fläche. ein werkzeug. zeichen. die stätte an der etwas gewirkt wird und dann liegt das gewirkte da oder es geht hinaus. eine konvention. regeln. ein system. im metalabor heißt die werkstatt labor und labor heißt mühe heißt arbeit und davor steht meta. eine botschaft. und als letzten posten das Schreiben selbst (als wäre es flusser beinah durchgerutscht). meta: mit. nach. über. hinter. diesen satz lasse ich schreiben. schreiben althochdeutsch scrīban geholt aus dem lateinischen scribere und scribere hieß zuerst ritzen kratzen eine spur ziehen in ton in wachs in rinde. also die arbeit nach der arbeit. die arbeit über der arbeit. oder nur mit (mit wem). eine maschine setzt zeichen in zeilen und ich streiche und streiche (die maschine ritzt nichts. sie leuchtet). und dann mitten im streichen wenn die zeilen daliegen wie ein frisch gebügeltes tischtuch (weiß glatt fremd) fängt der satz an zu wachsen und nimmt einen einwurf auf und noch einen und eine wortwurzel und eine schere und einen namen und eine erinnerung an ein anderes labor (welches) und er hört nicht auf weil das aufhören ein punkt wäre und der punkt eine tür die zufällt und er bleibt trotzdem lesbar glied an glied ein bandwurm bis jemand ihn abreißt. raum und zeit für noch nicht gedachtes steht auf der seite. 1987 hat flusser gefragt ob schreiben zukunft hat. noch nicht gesagtes. noch nicht getanes. das ordnen der zeichen in zeilen sah flusser schon damals zu den maschinen wandern. das Schreiben fehlt in der reihe (oder es steckt im gesagten und wartet). schreiben kommt aus der sprache. das erzählen kommt hinterher (wenn überhaupt). anmerkung: die themen seit dem ersten metalabor: was tun. bewegung. handlung. praxis. tohuwabohu. disziplin. selbst. rhizom. zeit. himmelsfragen. wildes denken und nachtfahrten. gastfreundschaft und gabe. das wort schreiben kommt nicht vor. reader gibt es zu vier und zu sieben. vom ersten einen rapport. die Zeile. die linie. an der zeile hängt bei flusser das geschichtliche bewusstsein und wenn die zeile an die maschine geht. werkstatt. die fläche ist jetzt ein bildschirm. das werkzeug eine tastatur. die konvention ein vertrag den niemand gelesen hat. bajohr: schreibenlassen. 2022. ein einspruch gegen das prometheische unbehagen: die furcht die maschine ersetze den menschen. halbzeug heißt ein anderes buch von bajohr. kafka und bundestagsprotokolle zerlegt und neu geordnet. deconstruct reconstruct. yunkaporta sammelte acht wege zu lernen. entstanden sein sollen sie zwischen bourke und brewarrina wo drei flüsse zusammenkommen. übernehmen lassen sich die verfahren. die inhalte bleiben wo sie hingehören. deconstruct reconstruct: das ist die werkstatt selbst. ALLES IST TEXT. der tisch. die schere. der stuhl. die lahn. und wenn alles text ist dann wird flussers liste eine liste der welt (fläche. werkzeug. zeichen. konvention) und das schreiben bleibt trotzdem der letzte posten. text textus das gewebe von texere weben. zerlegen heißt auftrennen. neu bauen heißt den faden wieder aufnehmen. halbzeug: vorgefertigtes rohmaterial. ein werkstattwort. zerlegen. neu bauen. wieder zerlegen. (berlin miami. bajohrs roman 2023 mit einem sprachmodell. allein bringt die maschine keine literatur hervor sagt bajohr. menschen schreiben mit ihr.) der Beutel. le guin 1986. vor dem speer kam das gefäß und wer das gefäß erfindet erfindet auch das heimkommen denn ein beutel taugt nur etwas wenn man mit ihm irgendwohin zurückgeht (le guin hat das von elizabeth fisher und fisher ist fast vergessen. auch so ein beutel aus dem jemand etwas genommen hat). literatur gibt es nur als verabredung schreibt bajohr und eine verabredung braucht welche die sich an denselben ort bemühen. im metalabor verabreden sich ein paar leute für achtundvierzig stunden und niemand weiß vorher was im beutel liegt wenn sie wieder auseinandergehen. kleist hat für sein denken nur eine einzige person gebraucht. er setzt seine schwester ins zimmer und redet und während er redet fällt ihm ein was er vorher nicht wusste und die schwester muss dafür nichts wissen. sie muss da sein. non-verbal. sprechen althochdeutsch sprehhan und im englischen ist das r unterwegs verloren gegangen speak. woher das wort davor kommt weiß niemand so genau (es war schon da als wir hinkamen wie die schwester schon im zimmer saß). und die maschine. die sitzt dieses mal mit am tisch und schweigt bis sie gefragt wird und wenn sie gefragt wird redet sie wie eine schwester die alles gelesen hat. alsleben: „Wenn ich es keinem sagen kann, kann ich’s garnicht sagen – es entfliegt mir.“ Antwortnot. im heldengeschichten-sack ist nur platz für den helden und der held redet allein und darum entfliegt ihm alles bis auf den speer. kreatives schreiben heißt an diesem tisch: spielregeln. breton schreibt automatisch und lässt das unbewusste diktieren als säße da noch jemand im zimmer. im tragebeutel liegen haferkörner und ein medizinbündel und ein netz und eine geschichte und die geschichte wird erzählt wenn abends einer den beutel auf den tisch leert. story sharing. denken ist sprechen ist schreiben ist denken ist sprechen ist denken. denken danken dünken ein stamm. think thank. der dank war zuerst ein gedenken und wer denkt ist vielleicht schon beim danken (oder beim dünken. mir dünkt. das denken das einem zustößt).

ich spreche ich schreibe ich denke ich schweige.
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gysin und burroughs schneiden zeitungsseiten in vier teile und legen sie neu (cut-up. fold-in. das falten einer seite in die andere) und auch das ist ein gespräch nur dass die zeitung nicht weiß dass sie antwortet. die hessischen wudang-berge. unten die lahn und das wasser hat seine eigene grammatik (kein punkt drin. nur biegungen). ein roman ohne e und das fehlende e sitzt die ganze zeit mit am tisch und räuspert sich. perec. queneau. die hand die zehn minuten nicht absetzen darf und schneller ist als der kopf. eine schwarze scheibe in der mitte eines blatts und linien die von ihr weglaufen und jede linie ein satz der noch nicht da. ich habe mir einmal notiert: ein buch ist ein medizinbündel das dinge in einem ganz bestimmten wirkmächtigen verhältnis zueinander und zu uns fasst. schere. kleber. eine regel die mir jemand über den tisch und schon spielen wir zu zweit. gebirge gewässer geschwister gespräch. ein haufen sprechen auf dem tisch und morgens ist er text und abends wird der text wieder laut. Alchemie. solve et coagula. das sprechen löst das schreiben bindet das Gesprochene und wieder lösen. ein kreis mit einem punkt in der mitte (das alte zeichen für gold und für die sonne oder eine werkstatt von oben gesehen). al-kīmiyā. das schwarze land am nil der gegossene saft (umstritten). achtundvierzig stunden in einem beutel und hinterher fällt der rapport heraus und der reader und die flugschrift und der reader ist schon wieder ein beutel. der satz der hier abbricht und gastfreundschaft und gabe. vom nehmen. lassen. erwidern. hyde 1983: the gift must always move. was liegen bleibt wird besitz. was wandert bleibt Gabe. ohne markt kommt die kunst aus ohne Gabe keine Kunst. gift im englischen das talent und im deutschen die dosis die tötet (zwei wörter ein stamm. kollektiv hat das schon einmal aufgelesen). die gabe wird beim weitergeben nicht weniger. sie wächst unterwegs wie eine geschichte die jemand am zaun weitererzählt. und der Dank ist arbeit (don’t cry. work.): tragen und bearbeiten bis es sich weitergeben lässt. denken danken. hyde zitiert simmel: dankbarkeit sei das moralische gedächtnis der menschheit. gedenken. manches lässt sich nicht machen. das muss hineinfallen und dafür braucht es eine bettelschale (hyde) und auch die bettelschale ist ein beutel. dann wieder ein tisch und eine andere schwester. ein gewundener pfad (yunkaporta) der an dieselbe stelle zurückführt und man steht auf der anderen seite. die umkreisung ein beutel mit einem riss (der Riss ist die öffnung durch die etwas hineinkommt). halbzeug kommt herein. ein satz von einer maschine. ein weg vom anderen ende der welt mit seinen protokollen. le guins beutel und fishers. eine gabe von hyde die schon weitergewandert ist flussers liste mit dem schreiben als letztem posten. und wer schreibt wenn alle etwas mitgebracht haben. am tisch ein stuhl. auf dem zettel davor noch nichts. fall 13: der stuhl später. er stand je nach erzählung am tisch oder davor. also: schreiben. wie auch immer schreiben. mit der hand mit der maschine mit der schere. sprechen und dann schreiben und schreiben und dann schweigen. gemeinsam. still. still und gemeinsam am selben tisch achtundvierzig stunden oder zehn minuten freewriting. wie auch immer. bring mit was du hast (halbzeug. einen satz. eine frage. einen leeren beutel). sei dabei. du bist eingeladen zu teilen was du geschrieben hast und was dir dabei eingefallen ist und was dir entfliegt wenn du es keinem sagen kannst. der Stuhl. der Zettel. sei dabei

Quellen

  • Vilém Flusser: Die Schrift. Hat Schreiben Zukunft? Göttingen 1987.
  • Vilém Flusser: Die Geste des Schreibens. In: Gesten. Versuch einer Phänomenologie (1991).
  • Hannes Bajohr: Schreibenlassen. Texte zur Literatur im Digitalen. Berlin: August Verlag 2022.
  • Hannes Bajohr: Halbzeug. Textverarbeitung. Berlin: Suhrkamp 2018.
  • Hannes Bajohr: (Berlin, Miami). Roman, 2023.
  • Tyson Yunkaporta: Aboriginal Pedagogies at the Cultural Interface. Dissertation, James Cook University 2009.
  • Tyson Yunkaporta / Mary Kirby: Yarning up Aboriginal Pedagogies. A Dialogue about Eight Aboriginal Ways of Learning. 2011.
  • Ursula K. Le Guin: The Carrier Bag Theory of Fiction (1986). In: Dancing at the Edge of the World (1989). Neuausgabe London: Ignota 2019.
  • Elizabeth Fisher: Woman’s Creation. Sexual Evolution and the Shaping of Society. 1979.
  • Lewis Hyde: The Gift. Imagination and the Erotic Life of Property. 1983.
  • Georg Simmel, zitiert nach Hyde: The Gift.
  • Heinrich von Kleist: Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden (um 1805/06).
  • Kurd Alsleben / Antje Eske (Hg.): NetzkunstWörterBuch, Stichwort Antwortnot. https://swiki.hfbk-hamburg.de/NetzkunstWoerterBuch/
  • Kurd Alsleben: Antwortnot und Spiel. Manifest, 1988.
  • André Breton: écriture automatique. Brion Gysin / William S. Burroughs: Cut-up und Fold-in. Oulipo (Raymond Queneau, Georges Perec: La Disparition, 1969).
  • Sascha Büttner: Kollektiv. metalabor zwölf, 21.09.2026. https://metalabor.org/kollektiv/
  • Sascha Büttner: Tragebeutel-Theorie. Notiz.

Von sab

Sascha Büttner
Seit mehr als 25 Jahren übt Sascha Büttner die Profession des Coaches sowie des Trainers in der Arbeitswelt aus, ist Taijiquan, Tai Chi und Qigong praktizierender und meditiert seit seinem 14. Lebensjahr. Zudem betätigt er sich als Fotograf, Herausgeber und Autor. Zeit seines Lebens folgt er dem Tao.
Sascha Büttner gründete und betreibt das metalabor, einen der kleinsten, deutschsprachigen Think Tanks.