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Die Autoritäre Internationale und ihre Ingenieure

Tech-Kapital und autoritäre Politik finden zueinander – das ist keine Verschwörungstheorie, sondern Wahlverwandtschaft. Rainer Mühlhoff nennt es den neuen Faschismus. Hito Steyerl spricht von „artificial stupidity“. Marx hat die Mechanismen schon beschrieben. Die Frage ist nicht, ob das Spiel aus ist. Die Frage ist, ob wir mitspielen.

Sie nennen es Disruption. Marx nannte es Klassenkampf von oben.

Anfang 2025 geschah in Washington etwas Beispielloses. Ein Tech-Unternehmer griff direkt in den Verwaltungsapparat einer Regierung ein – nicht als Berater oder Lobbyist, sondern als Exekutor. Den Staatsapparat aushöhlen, Personal entfernen, alles zerschlagen, was dem technokratischen Zugriff im Weg steht. Der britische Guardian nannte es einen „digitalen Staatsstreich“. Konsequent: Für die Entlassungsentscheidungen wurden KI-Systeme eingesetzt. Die Maschine sortiert, wer bleiben darf und wer gehen muss.

Elon Musk ist keine Aberration, er ist Symptom. Marx hat im „Achtzehnten Brumaire“ beschrieben, wie eine Klasse ihre politische Macht an einen Autokraten abtritt, um ihre ökonomischen Interessen zu wahren. Die Bourgeoisie stützte Louis Bonaparte, weil er sie gewähren ließ – die Tech-Oligarchen stützen Trump, weil er ihnen freie Hand lässt. Sie tauschen Demokratie gegen Deregulierung. Das ist kein Verrat an ihren Interessen. Das ist ihre Interessenpolitik.

Der Philosoph Rainer Mühlhoff hat dieser Konvergenz einen Namen gegeben: der neue Faschismus. Er meint damit nicht die historische Form des 20. Jahrhunderts – nicht die Ästhetik, nicht die Parteistruktur, nicht den spezifischen Nationalismus. Er meint eine Kombination aus antidemokratischem Wirken, Gewaltbereitschaft – man denke an den Sturm aufs Kapitol, an die Gewalt gegen Minderheiten und Andersdenkende – und der Nutzung von Technologie als Machtinstrument. Die ideologischen Kontinuitäten zu Eugenik, White Supremacy und der Phantasie technischer Menschenoptimierung sind real – nur die Erscheinungsform ist neu. Die Künstlerin Hito Steyerl spricht von „artificial stupidity“ statt „artificial intelligence“ – ein Begriff, der das Intelligenz-Versprechen als das markiert, was es ist: Marketing.

Warum funktioniert diese Verschmelzung so reibungslos? Warum wird sie akzeptiert?

Der Begriff selbst ist Teil der Antwort. „Künstliche Intelligenz“ stammt aus den 1950er Jahren, als man die Technologie verkaufsträchtig vermarkten wollte. Die Suggestion: Die Maschine könne den Menschen übertrumpfen. Das war von Anfang an Ideologie in Sprachform. Wer „Intelligenz“ sagt, immunisiert gegen Kritik. Wer will schon gegen Intelligenz sein?

Hinzu kommt: Wir alle sind längst Teil des Systems. Wer online ist, liefert Daten – permanent und fast immer unentgeltlich. Jeder Klick, jede Suche, jede Interaktion fließt in die Trainingskorpora. Das ist keine Verschwörung, das ist das Geschäftsmodell. Marx‘ Arbeiter verkaufte wenigstens noch seine Arbeitskraft – schlecht bezahlt, aber bezahlt. Wir schenken. Die Extraktion ist vollständiger als im Industriekapitalismus, und sie fühlt sich nicht einmal wie Arbeit an. Diese Komplizenschaft erzeugt kognitive Dissonanz – und Dissonanz wird durch Verdrängung gelöst, nicht durch Widerstand.

Dazu die Rhetorik, gegen die niemand ankommt: Effizienz. Wer will schon Bürokratie verteidigen? Die Tech-Rhetorik rahmt demokratische Prozesse als Reibungsverluste. Sie verspricht Optimierung und Beschleunigung. Dass dabei die Frage untergeht, wer optimiert wird und für wen – das ist kein Versehen, das ist die Strategie. Vilém Flusser hat früh gesehen, was hier geschieht: Wir glauben, die Apparate zu bedienen, aber die Apparate programmieren uns. Die Geste des Wischens und Promptens fühlt sich nach Kontrolle an. Sie ist Einübung in Abhängigkeit.

So viel zur Frage, warum die Öffentlichkeit nicht aufschreit. Die andere Frage ist, was die Tech-Elite selbst antreibt – jenseits des bloßen Profits.

Mühlhoff identifiziert die Strömungen, die im Tech-Milieu konvergieren: Cyberlibertarismus, Troll- und Manosphere-Subkulturen, der sogenannte Dark Enlightenment. Was sie verbindet, ist eine Geschichtsphilosophie: Die Idee, dass die Aufklärung ein Fehler war. Dass Demokratie eine Degenerationsform darstellt. Dass die Zukunft denen gehört, die sie sich nehmen.

Peter Thiel hat es 2009 offen geschrieben: „I no longer believe that freedom and democracy are compatible.“ Marc Andreessen veröffentlichte 2023 sein „Techno-Optimist Manifesto“, das sich explizit auf den italienischen Futurismus bezieht – jene Bewegung, die nahtlos in den Faschismus überging. Das sind keine obskuren Internetphilosophen. Das sind die mächtigsten Investoren der Welt.

Aber Ideologie allein erklärt nichts. Entscheidend ist die Infrastruktur.

Steyerl hat darauf hingewiesen, dass dieselben Deep-Learning-Architekturen, die Bildgeneratoren und Chatbots antreiben, auch für Zielerfassung und autonome Waffensysteme genutzt werden. Die Grenze zwischen Consumer-Tech und Militärtechnologie ist porös. Was als Spielzeug vermarktet wird, kann als Waffe enden. Die Technologien sind dual use – und die Entscheidung über den Einsatz liegt nicht bei denen, die sie nutzen, sondern bei denen, die sie besitzen.

Die Debatte in Deutschland über den Einsatz von Palantir-Software zeigt: Das ist kein fernes amerikanisches Problem. Die Machtkonzentration, die hier entsteht, ist beispiellos. Wenige Konzerne kontrollieren die Daten und die Modelle. Wenige Männer entscheiden, was als Fortschritt gilt und was als Ineffizienz wegoptimiert wird.

Marx hat im Maschinenfragment beschrieben, wie das Wissen der Arbeiter in die Maschine übergeht – und ihnen als fremde Macht gegenübertritt. Heute geht unser aller Wissen in die Modelle über, unsere Sprache, unsere Bilder, unsere Gesten. Die Frage, wer die Maschinen besitzt, ist keine technische Frage. Sie ist die politische Frage.

Künstliche Intelligenz eignet sich ideal für autoritäre Zwecke. Das ist Mühlhoffs nüchterner Befund. Aber er endet nicht dort. Der Diskurs muss sich ändern, fordert er. KI ist kein Schicksal, das über uns kommt, sondern eine Technologie, deren Entwicklung und Einsatz verhandelt werden kann – und muss. Das bedeutet zunächst: die Tech-Utopien als das benennen, was sie sind. Machtregime. Die Rhetorik zerlegen, die Versprechen dekonstruieren. Schon der Begriff „Künstliche Intelligenz“ ist keine Beschreibung, sondern ein Versprechen – und Versprechen sind Instrumente.

Es bedeutet auch: demokratische Praxis verteidigen – Öffentlichkeit, die Fähigkeit zum organisierten Widerspruch. Das ist nicht dasselbe wie der Staat, oft genug ist es sein Gegenteil. Aber es braucht Räume, in denen diese Praxis stattfinden kann. Räume, die nicht vollständig von der algorithmischen Gouvernementalität durchdrungen sind – jener Form der Machtausübung, die Foucault beschrieben hat: nicht Verbot und Strafe, sondern die stille Gestaltung des Möglichkeitsraums. Die Plattformen verbieten nicht, sie sortieren. Sie bestrafen nicht, sie machen unsichtbar. Die effizienteste Macht ist die, die nicht als Macht erscheint.

Und es bedeutet: regulieren. Europa hat mit dem AI Act einen Anfang gemacht. Aber hier wird es kompliziert. Die naturalisierteste aller Gleichsetzungen lautet: Staat gleich Demokratie. Sie ist falsch. Der Staat ist ein Apparat – er kann demokratisch kontrolliert werden, muss es aber nicht. Derselbe Staat, der jetzt schützen soll, hat die Tech-Giganten erst ermöglicht: durch Infrastruktur, durch Steuerprivilegien, durch das Outsourcen öffentlicher Aufgaben an private Plattformen. Man kann nicht den Staat verteidigen und hoffen, damit die Demokratie zu retten. Es ist umgekehrt: Die Demokratie – verstanden als Selbstorganisation, als Öffentlichkeit, als Fähigkeit zur kollektiven Deliberation – muss gegen den Staat verteidigt werden, der sie an die Plattformen verrät – und selbst immer mehr zur Plattform wird. Regulierung ist dann kein Bündnis mit dem Staat, sondern ein Versuch, ihn als Terrain zu nutzen, auf dem noch gekämpft werden kann. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Der Faschismus ist die Gefahr. Aber er hat einen Verbündeten, der ihm vorarbeitet: die Überzeugung, dass er unausweichlich ist.

Der apokalyptische Ton – „Das Spiel ist aus“ – produziert genau die Lähmung, die die Autoritären brauchen. Wenn alles verloren ist, warum kämpfen? Wenn die Demokratie sowieso stirbt, warum sie verteidigen? Diese Logik ist bequem. Sie entbindet von Verantwortung. Und sie ist falsch.

Mühlhoff besteht darauf: Die Machtakkumulation, die mit der Entwicklung von KI einhergeht, ist nicht naturgesetzlich. Ihr kann etwas entgegengesetzt werden – aber nur, wenn die Frage nach der gesellschaftlichen Verteilung von Nutzen und Gewinn im Zentrum steht.

Noch ist demokratische Praxis möglich. Noch gibt es Öffentlichkeit und Formen kollektiven Widerspruchs. Beschädigt, unter Druck, aber existent.

Die Frage ist nicht, ob das Spiel aus ist. Die Frage ist, ob wir mitspielen.


Vorgänger-Beitrag

Das Gespenst der künstlerischen Autonomie


Weiterführende Literatur

Rainer Mühlhoff: Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus (2025)

Hito Steyerl: Mean Images (2023)

Karl Marx: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte (1852)

Karl Marx: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie (1857/58), darin: Maschinenfragment

Michel Foucault: Geschichte der Gouvernementalität (1977–1979)

Vilém Flusser: Ins Universum der technischen Bilder (1985)


Ressourcenverbrauch dieser Publikation

Text-Generierung (LLM): ca. 55–65 Anfragen à 0,3–3 Wh ≈ 17–195 Wh | 11–260 g CO₂

Bilder: keine (nur Prompt generiert)

Gesamt: ca. 17–195 Wh | 0,01–0,26 kg CO₂

Entspricht: 1–12× Smartphone aufladen | 0,1–1,5 km Autofahrt (Benziner)

Nicht eingerechnet: Training der Modelle, Kühlung, Infrastruktur, Ghost Work.

Von sab

Sascha Büttner
Seit mehr als 25 Jahren übt Sascha Büttner die Profession des Coaches sowie des Trainers in der Arbeitswelt aus, ist Taijiquan, Tai Chi und Qigong praktizierender und meditiert seit seinem 14. Lebensjahr. Zudem betätigt er sich als Fotograf, Herausgeber und Autor. Zeit seines Lebens folgt er dem Tao.
Sascha Büttner gründete und betreibt das metalabor, einen der kleinsten, deutschsprachigen Think Tanks.