
Ein Gespenst geht um – das Gespenst der künstlerischen Autonomie. Ein Zombie, nicht totzukriegen, ebenso wenig wie das kleinbürgerliche Ideal von Talent und Können. Es entzündet sich neuerdings am Thema KI, an den plappernden Large Language Models der Tech-Konzerne.
Die Künstler:innen teilen sich in zwei Lager. Die einen heften sich stolz das Label „100% KI-frei“ an die Brust – erinnert an „genfrei“ bei Bio-Produkten, dieselbe Naivität, dieselbe Sehnsucht nach einer Reinheit, die es nie gab. Aber welche Reinheit? Anna Tsing hat argumentiert: Wir leben längst in einer kontaminierten Welt. Die Vorstellung unberührter Natur, sauberer Kategorien, reiner Ursprünge ist eine Fiktion – und eine gefährliche dazu. War das menschengemachte Kunstwerk jemals rein? Frei von Einflüssen, frei von Technologie, frei von den Bedingungen seiner Produktion? Die Sehnsucht nach dem Unverfälschten ist selbst ein Symptom – sie taucht immer dann auf, wenn die Kontamination nicht mehr zu leugnen ist. Wer heute „KI-frei“ plakatiert, betreibt Reinheitsrhetorik in einer Welt, die aus Verflechtungen besteht. Die anderen feiern die „Demokratisierung der Kunst“, als würde ein Bildgenerator die Klassenfrage lösen. Beides ist ein Zwergenaufstand. Beide Seiten versuchen nur, ihre eigene Obsoletheit zu kaschieren.
Was ist denn diese „künstlerische Autonomie“, die da verteidigt werden soll? Seit den historischen Avantgarden wird das kreative Genie in Frage gestellt. Konstruktivismus, Konkrete Kunst, Minimal Art suchten nach Wegen, das Subjektive aus der Kunst zu tilgen. Dann kam Beuys und versicherte uns, Kunst müsse auf Bewusstseinsprozesse zurückgeführt werden – Denken, Freiheit, individuelle Verantwortung. Kant lächelt mild aus seinem Grab. Nun stellt sich heraus: Die Autonomie des Werks, mit der es vielleicht ohnehin nie weit her war, wird durch KI weiter zurückgedrängt. Die Kunst-Maschinen produzieren ohne Ermüdung und ohne Rücksicht.
Aber das ist nicht das eigentliche Problem.
Wenn man über KI redet, dann muss man über anderes sprechen: über KI und Krieg, über KI und Tech-Feudalismus, über KI und Neokolonialismus, über die Vernichtung von Ressourcen, über die Kolonisierung des Denkens. Die Frage der künstlerischen Autonomie ist daneben so interessant wie ein Furz, den König Charles III. lässt.
Die andere Autonomie
Während Künstler:innen um ihre Autonomie bangen, wird anderswo eine andere Autonomie vorangetrieben. Die Kriege unserer Zeit sind blutgetränkte Feldlaboratorien. Die Ukraine entwickelt sich zum „Silicon Valley für autonome Drohnen“ – Minister Fedorov formuliert das Ziel: „Volle Autonomie.“ Gemeint ist: Drohnen, die selbstständig Ziele identifizieren, verfolgen und zerstören – ohne dass ein Mensch den Abzug betätigt. Gaza ist das „palästinensische Labor“ für den Export „kampferprobter“ Technologie. Die Favelas von Rio werden von israelischen Drohnen überwacht – dieselben Systeme, die zuvor an Palästinensern getestet wurden.
Hito Steyerl beobachtet: Die Kameradrohnen kommen aus der DIY-Video-Welt und wurden für den Terror aus der Luft umfunktioniert. Die gleichen Deep-Learning-Architekturen, die Bildgeneratoren und Chatbots antreiben, werden für Zielerfassung und autonome Waffen genutzt. Das System „Lavender“ des israelischen Militärs generiert Todeslisten. „Fire and Forget“ – vom Knopfdruck über den Mausklick zum bloßen Prompt, zur mühelosen Auslöschung.
Die unsichtbare Unterklasse
Die „künstliche Intelligenz“ – Steyerl nennt sie treffender „artificial stupidity“ – basiert auf einer neuen, unsichtbaren globalen Unterklasse von Datenproletariern. Syrische Geflüchtete in Deutschland filtern Bilder ihrer durch Erdbeben zerstörten Heimatorte – zu brutal für Social-Media-Konsumenten, aber zumutbar für die Vertriebenen selbst. In Kosovo, einem der ärmsten Länder Europas, saugten Krypto-Miner die subventionierte Elektrizität ab, bis die Regierung 2022 das Mining verbot und den Strom rationierte. Kenianische Content-Moderatoren entwickeln PTSD (Posttraumatische Belastungsstörung), während sie für zwei Dollar die Stunde den digitalen Müll sortieren.
Der kamerunische Philosoph Achille Mbembe schreibt: Die Ungerechtigkeiten der Kolonialära – die monopolistische Extraktion von Ressourcen und Menschen – sind der Prototyp zukünftiger Unterdrückung weltweit. Die Produktion von KI-Bildern, so harmlos sie erscheinen mag, beinhaltet die Zerstörung ihrer Umgebung durch Extraktion von Arbeit, Daten und Ressourcen. Kriegsführung, Marketing und Überwachung sind Variationen desselben Spektrums.
Die Kolonisierung des Denkens
Die „Neoprimes“ – Palantir, Anduril, Shield AI – überholen die klassischen Rüstungskonzerne. CEO Alex Karp prahlt: „Ein Juggernaut entsteht. Dies ist das Software-Jahrhundert.“ Die Kunst-Maschinen werden den herkömmlichen Kunstmarkt so zerstören, wie der Technofeudalismus der Milliardäre die freie Marktwirtschaft zerstört.
In Johannesburg betreibt das private Unternehmen Vumacam über 5.000 KI-gestützte Kameras – das größte Überwachungsnetzwerk Afrikas. Die Kunden sind überwiegend weiß, die Überwachten überwiegend schwarz. Die Muster erinnern an die Apartheid – wo der Apartheid-Staat auf Passbücher und Rassenkategorien setzte, verlassen sich biometrische Systeme nun auf Kameras und Algorithmen. Die Maschinen trainieren uns, mit ihnen auf eine Weise zu interagieren, die für sie nützlich ist – nicht umgekehrt. Dadurch, dass Algorithmen die Steuerung übernehmen, kommt es immer weniger auf Wissen und Erfahrung an.
Die Autonomie des Subjekts geht gegen Null. Marx würde darauf hinweisen: Mit der Digitalisierung wird nicht nur Arbeit, sondern auch Macht verschoben – hin zu den Besitzern der intelligenten Maschinen.
Autonomie – für wen?
Drei Autonomien also: Die künstlerische, um die gestritten wird. Die der Waffen, die vorangetrieben wird. Die des Subjekts, die verschwindet. Die Debatte über die erste ist eine Ablenkung von den anderen beiden.
Sozialer Fortschritt wurde von sozialen Bewegungen geschaffen, nicht von Erfindern oder Tech-Unternehmen. Die Produktivitätsgewinne von Technologie wurden nie freiwillig geteilt. Das ist der Befund von Ökonomen wie Daron Acemoglu und Simon Johnson. Das ist die historische Lektion.
Die Avantgarde wollte das Genie abschaffen. Die KI schafft den Menschen ab – als Arbeiter, als Subjekt, als Ziel. Und die Kunst? Sie ist längst kontaminiert, war es immer. Die Frage ist nicht, wie wir sie rein halten, sondern welchen Verflechtungen wir zustimmen – und gegen welche wir kämpfen.
Das wäre zu diskutieren. Alles andere ist ein Furz im Wind.
Ressourcenverbrauch dieser Publikation
Text-Generierung (LLM): ca. 15–20 Anfragen à 0,3–3 Wh ≈ 5–60 Wh | 3–80 g CO₂
5 Bilder (Diffusionsmodell): à 0,3–2 kWh ≈ 1,5–10 kWh | 200–4.000 g CO₂
Gesamt: ca. 1,5–10 kWh | 0,2–4 kg CO₂
Entspricht: 1–10× Smartphone aufladen | 0,5–10 km Autofahrt (Benziner)
Nicht eingerechnet: Training der Modelle, Kühlung, Infrastruktur, Ghost Work.
Weiterführende Literatur
Hito Steyerl: Mean Images (2023) | Medium Hot (2025) | Duty Free Art (2017)
Anna Lowenhaupt Tsing: The Mushroom at the End of the World (2015)
Achille Mbembe: Necropolitics (2019) | Critique of Black Reason (2017)
Daron Acemoglu / Simon Johnson: Power and Progress (2023)
Kate Crawford: Atlas of AI (2021)
Mary L. Gray / Siddharth Suri: Ghost Work (2019)
Antoinette Rouvroy / Thomas Berns: Algorithmische Gouvernementalität (2013)
Cédric Durand: Techno-Feudalism (2024)
Yanis Varoufakis: Technofeudalism (2023)