Eine Begriffsklärung auf Grundlage des Netzkunstwörterbuchs von Kurd Alsleben (HFBK Hamburg)
Einleitung
Das metalabor geht in seine elfte Ausgabe. Rückblickend – und als Ausblick – stelle ich fest: Die Menschen, die das metalabor ausmachen, haben von Beginn an mit Begriffen gearbeitet, die Kurd Alsleben theoretisch gefasst hat. Bewusst oder unbewusst. Anderweite, Antwortnot, Resonanz, Redundanz – Beschreibungen einer Praxis, die von Anfang an gelebt wird.
Fürs metalabor XI werden diese Begriffe zum Gegenstand. Im Sinne des Staunens und des Aha-Moments. Dieser Text legt die theoretische Grundlage dafür.
Anderweite
Anderweite bezieht sich bei Alsleben auf den anderen Menschen: die Weite seiner Möglichkeiten, die für einen selbst nur in Ausschnitten erfahrbar ist. Der Informationsgehalt der Anderweite des Anderen ist nie abbaubar – sie lässt sich nur bestaunen.
Die Modalität des Zugangs ist entscheidend: Als Unberechenbarkeit macht die Anderweite Angst. Als Staunen ist sie produktiv. Als Bedrohung wahrgenommen, wird sie zur Projektion eigener Ängste.
Alsleben unterscheidet eine Grenzzone mit drei Schichten: Außen wird Anderweite erst fühlbar. In der Mitte entsteht Staunen. Im innersten Bereich das Aha – der Moment, in dem sich das systeminterne Modell tatsächlich verändert.
Antwortnot
»Wenn ich es keinem sagen kann, kann ich’s garnicht sagen – es entfliegt mir.«
Der andere Mensch ist Bedingung der Entstehung von Gedanken – wer keinen Adressaten hat, verliert Gedanken. Diese Seite der Antwortnot macht wenig Leiden, ist aber intellektuell fürchterlich. Und gnädig: weil sie das Individuum soziabel hält.
Die zweite Seite ist das Entbehren: von Glaubwürdigkeit in der Orientierung, von Anerkennung, von Resonanz. Orientierung braucht Rückmeldung, um sich zu stabilisieren. Entbehren ist das richtige Wort: kein akuter Schmerz, sondern ein strukturelles Fehlen.
Antwortnot entsteht auch kollektiv – bei Machtwechsel, bei Strömungswechsel. Anderweite Fragen bleiben unverständlich oder werden überschwiegen in der Konkurrenz um Strömungsteilhabe. Eine ganze Denkweise wird strukturell unsagbar.
»Ich weiss allein nicht weiter.«
Redundanz
Redundanz ist der gemeinsame Erwartungshorizont: das geteilte Vorwissen, die kulturelle Selbstverständlichkeit, die Routine des Gesprächs. Der Boden, auf dem Inhalt erst auftreten kann. Das Neue fliegt ins Leere, wo dieser Boden fehlt.
Redundanz trägt aktiv, weil sie Erwartung strukturiert, Anschlussfähigkeit herstellt und Vertrauen erzeugt. Entscheidend ist das Verhältnis zur Anderweite – zu viel Redundanz: Spiegelkabinett, Langeweile. Zu viel Anderweite: Rauschen, ebenfalls Langeweile. Das produktive Verhältnis liegt dazwischen: das Neue trifft auf genug Bekanntes, um verstanden zu werden, und genug Fremdes, um etwas zu verändern.
Resonanz / Anregung
Alsleben beginnt mit Fluoreszenz: Der Farbstoff auf der Innenseite des Fernsehschirms verwandelt den Elektronenstrahl in Licht. Was herauskommt, hat eine vollständig andere Natur als das Hineingegangene. Die Resonanz folgt der Eigenschaft des Empfängers.
Was ankommt, ist nie was gesendet wurde. Umdeutung, Missbrauch, Dekontextualisierung, Missverständnis – das sind die Vorgänge, aus denen Resonanz besteht.
Jede Idee ist ein Element in einem kontinuierlichen Vorgang, in dem Anregungen ausgetauscht werden. Originalität ist eine unerwartete Resonanz – eine Umdeutung, die niemand vorhergesehen hat.
Alsleben benennt zwei Pathologien: Die Meinung – Resonanz ausschließlich in einem einzelnen Frequenzband, kein produktives Missverständnis möglich. Und Desinteresse / Langeweile – das System schwingt überhaupt nicht.
Diagramm
Die zwei Kreise stehen für Eigenweite und Anderweite – Selbst und Anderer. Redundanz bildet den gemeinsamen Boden darunter. Die Grenzzone in der Mitte hat drei Schichten: Rand, Staunen, Aha. Antwortnot aktiviert das System von oben. Resonanz emergiert nach unten. Die Pathologien – Echokammer links, Angst vor Unberechenbarkeit rechts – liegen außerhalb der Kreise.

Quellen
Alsleben, Kurd: Netzkunstwörterbuch. HFBK Hamburg. swiki.hfbk-hamburg.de/NetzkunstWoerterBuch
Alsleben, Kurd (1986): Antwortnot und Spiel. Manifest. Hamburg
Alsleben, Kurd (1984): Ich weiss allein nicht weiter. In: Eske, Antje / Pietrzik, Angela (Hg.): Zeichnen und Schreiben. material-Verlag, Hamburg 1985