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Alles ist im Fluss

Die KI-Propheten predigen Anpassung als Naturgesetz: Skills statt Abschlüsse, lebenslanges Lernen statt Bildung, Flexibilität statt Verwurzelung. Alles ist im Fluss – aber wohin fließt er? Dieses Théorie-Dérive durchquert Heraklit und das Daodejing, Baumans flüssige Moderne und Eva von Redeckers Bleibefreiheit. Was dabei sichtbar wird: Die Propheten selbst stehen am Ufer. Ins Wasser schicken sie andere.

Théorie-Dérive: Alles ist im Fluss

I. Eintritt – Die Propheten und ihr Wasser

Auf Konferenzbühnen zwischen Dubai und Davos verkünden sie die frohe Botschaft: Alles ist im Fluss. Die Arbeitswelt transformiert sich, Rollen werden neu definiert, Skills ersetzen Abschlüsse, lebenslanges Lernen ersetzt Bildung. Wer nicht fließt, erstarrt. Wer nicht schwimmt, ertrinkt.

Das KI-Prophetentum hat seine eigene Liturgie entwickelt. Die Keynote als Predigt, das Whitepaper als Traktat, der Newsletter als Hirtenbrief. Die Botschaft variiert wenig: Disruption ist unvermeidlich, Anpassung ist Pflicht, Widerstand ist sinnlos. Die Rhetorik changiert zwischen Drohung und Verheißung – wer KI-kompetent wird, gewinnt; wer zögert, verliert seinen Marktwert.

Die Fließmetapher durchzieht diesen Diskurs wie ein Grundwasserstrom. Sie suggeriert Natürlichkeit, wo Macht am Werk ist; Notwendigkeit, wo Entscheidungen getroffen werden; kosmische Ordnung, wo Kapitalinteressen wirken. „Alles ist im Fluss“ – aber wessen Fluss? Das heraklitische Panta rhei beschrieb eine kosmische Ordnung, den Logos im Wandel. Das daoistische Fließen des Wassers folgt dem Weg des geringsten Widerstands, findet Ruhe in der Tiefe. Das Fließen der KI-Propheten gleicht eher einem Wildwasser, das den Schwimmenden erfasst – wer nicht paddelt, geht unter.

Die heterotopen Einstiege für diese Durchquerung: Heraklits Flussfragment und seine daoistische Resonanz; Zygmunt Baumans „flüssige Moderne“ als Diagnose spätkapitalistischer Lebensformen; die Kybernetik als Hintergrundmusik der „Augmentation“; Eva von Redeckers „Bleibefreiheit“ als das Undenkbare dieses Diskurses.

II. Erste Passage – Der Fluss und sein Ufer

Heraklits berühmtestes Fragment – „Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen“ – wird meist als Plädoyer für den Wandel gelesen. Die weniger zitierte Ergänzung verschiebt den Akzent: „denn andere und wieder andere Wasser strömen nach.“ Der Fluss bleibt derselbe, weil sein Wasser wechselt. Identität durch Transformation, nicht trotz ihrer.

Das daoistische Wasserideal im Daodejing fügt eine weitere Dimension hinzu: „Höchstes Gut ist wie Wasser. Wasser nützt allen Wesen und streitet nicht.“ Das Fließen erscheint hier nicht als Schicksal, dem man sich unterwirft, sondern als Weisheit, die man kultiviert. Wasser sucht die niedrigsten Stellen auf – nicht aus Schwäche, sondern weil nur so der Weg ins Meer gelingt. Der Herrscher, so die politische Pointe, soll sich nicht über das Volk erheben, sondern unter es stellen; wer sich niedrig macht, dem strömt alles zu. Die Niedrigkeit ist keine Demütigung, sondern Strategie der Fülle.

Der Lebenslauf, wie die KI-Propheten ihn predigen, soll „fließen“ – anpassungsfähig, formbar, auf Marktsignale reagierend. Die Differenz liegt im Wohin: Das daoistische Wasser sucht das Niedrigste, um ins Meer zu münden – es hat ein Ziel, das durch Nachgeben erreicht wird. Das Wasser des modernen Arbeitsmarkts wird kanalisiert, umgeleitet, gepumpt. Es fließt, wohin der Bedarf es lenkt. Es mündet nirgends.

III. Drift-Sequenzen

Passage zur flüssigen Moderne

Zygmunt Bauman unterschied die „schwere“ Moderne von der „leichten“, liquiden Postmoderne. Die Differenz zeigt sich exemplarisch am Phänomen der Macht. Wo Foucaults Panopticon die moderne Machttechnik beschrieb – zentralisierte Überwachung, disziplinierende Institutionen, territorial gebundene Kontrolle –, diagnostiziert Bauman einen „post-panoptischen“ Zustand. Macht bewegt sich nun mit der Geschwindigkeit elektronischer Signale, exterritorial, physisch ungebunden. Sie rinnt durch Raum und Zeit, hält sich nicht mehr an nationale Grenzen.

Die Eliten üben keine direkte Kontrolle mehr aus. Sie ziehen sich zurück, werden selbst exterritorial, geben ihre Ambitionen zur Aufrechterhaltung sozialer Ordnung auf. An die Stelle der verpflichtenden Kraft von Bindungen und Normen treten Versuchungen und Verlockungen: Die von außen gelenkte Marschkolonne wird vom Schwarm ersetzt. Niemand kommandiert mehr; alle folgen den Signalen. Die liquide Moderne kennt keine Vision eines gerechten Endzustands mehr – nur noch endlose Anpassung an fließende Verhältnisse.

Das KI-Prophetentum operiert präzise in diesem Terrain. „Skills-based Hiring“ ersetzt formale Bildungsabschlüsse – die Verflüssigung des Bildungssystems. „Micro-Certificates“ statt Diplome – die Fragmentierung von Qualifikation in handelbare Einheiten. „Lebenslanges Lernen“ – der permanente Aggregatzustand der Unabgeschlossenheit. Die Propheten predigen keine Ordnung, sie verkünden die Notwendigkeit, dem Schwarm zu folgen. Die Verflüssigung wird nicht als Problem beschrieben, sondern als Chance verkauft. Wer sich nicht verflüssigt, fällt aus dem Schwarm.

Die Drift führt zur Frage: Wem nützt diese Verflüssigung? Die Eliten, die Bauman beschreibt, haben sich längst abgesetzt – exterritorial, den Signalen voraus, nicht mehr gebunden an die Orte, an denen gearbeitet wird. Die Propheten auf den Konferenzbühnen gehören zu ihnen: Sie predigen Anpassung, die sie selbst nicht nötig haben. Der CV, der „konkrete Fähigkeiten“ dokumentiert statt „formaler Abschlüsse“, mag für den Moment flexibler wirken. Langfristig macht er den Träger austauschbarer – verfügbar für den nächsten Schwarmimpuls, disponibel für Bedarfe, die andere definieren. Ein Abschluss bleibt; ein Skill veraltet. Die Propheten predigen Flexibilität und meinen Verfügbarkeit.

Passage zur Kybernetik

Der Diskurs ist durchzogen von kybernetischem Vokabular: Feedback-Loops, Anpassung, Optimierung, Augmentation. Das „Second Brain“ taucht auf – KI-Systeme als externes Gedächtnis, das Wissen „strukturiert und verknüpft“. Der Mensch als offenes System, das seine Grenzen zur Umwelt durchlässig macht, das Steuerungsimpulse empfängt und verarbeitet.

Die kybernetische Vision der 1950er Jahre – Norbert Wieners Traum von selbstregulierenden Systemen – erscheint hier in humankapitalistischer Umdeutung. Der Feedback-Loop, ursprünglich als Beschreibung technischer Regelkreise gedacht, wird zum Imperativ: Reagiere auf Signale! Passe dich an! Optimiere! Die „Augmented Skills“, die der Diskurs propagiert – AI-Augmented Problem Solving, AI-Augmented Decision Taking, AI-Augmented Strategic Planning – machen den Menschen zum Modul in einem größeren System. Die Frage, wer wen augmentiert, wird nicht gestellt.

Die Differenz zum Wu Wei ist fundamental. Daoistische Selbstregulation folgt der eigenen Natur, nicht dem externen Signal. Der „Feedback“ kommt von innen – aus dem Gespür für Stimmigkeit, aus der körperlich-affektiven Resonanz. Die kybernetische Augmentation hingegen outsourct die Regulierung an externe Systeme. Das „Second Brain“ denkt nicht für einen; es entlastet von der Anstrengung eigenen Denkens. Was als Erweiterung verkauft wird, ist Amputation – die Abtrennung jener Fähigkeiten, die den Menschen unverfügbar machen würden. Der Augmentierte ist der Disponible: erweitert um Anschlussfähigkeit, reduziert um Eigensinn.

Passage zur Bleibefreiheit

Eva von Redecker denkt Freiheit neu: nicht mehr räumlich als Bewegungsfreiheit, sondern zeitlich als Bleibefreiheit – die Möglichkeit, an einem Ort zu leben, an dem man auch künftig bleiben kann. Der herrschende Freiheitsbegriff misst Freiheit am Radius der Bewegung, am Eigentum, an der Ausdehnung des eigenen Raums. Von Redecker fragt: Was bedeutet Freiheit, wenn die Orte schwinden, an denen sich leben lässt? Wenn Klimakrise und Kriege ganze Landstriche unbewohnbar machen? Bleibefreiheit entfaltet sich zeitlich – als auch künftig lebbare Freiheit, die sich nur gemeinsam herstellen lässt.

Das KI-Prophetentum kennt diese Option nicht. Die Frage nach dem „wertvollen CV der Zukunft“ setzt voraus, dass Lebensläufe wertvoll sein müssen, dass Menschen sich verkaufen, dass Marktwert die relevante Kategorie ist. Die Antwort reproduziert die Voraussetzung: Mehr Skills, mehr KI-Kompetenz, mehr Anpassungsfähigkeit, mehr Augmentation. Stillstand ist Rückfall. Bleiben ist Versagen. Disponibilität ist Pflicht.

Die daoistische Kritik trifft hier einen neuralgischen Punkt. Das Laozi warnt: „Wer auf Zehenspitzen steht, steht nicht fest. Wer große Schritte macht, kommt nicht voran.“ Die Beschleunigungslogik des „wertvollen CV“ erzeugt genau jene Haltung – das permanente Auf-den-Zehenspitzen-Stehen, das ständige Vorwärts-Stürmen, das am Ende in Erschöpfung mündet. Was Bauman „liquid modernity“ nennt, ließe sich auch als kollektive Erschöpfungsstörung beschreiben. Die Propheten verkaufen das Hamsterrad als Autobahn.

Bleibefreiheit wäre das Gegenteil der Disponibilität: nicht räumlich fixiert, aber zeitlich verwurzelt; nicht immobil, aber unverfügbar für fremde Zwecke; nicht stillgestellt, aber fähig zur Ruhe.

Passage zum Prophetentum selbst

Die Soziologie kennt die Figur des Propheten als Träger charismatischer Autorität. Max Weber unterschied zwischen dem „ethischen Propheten“, der im Auftrag eines Gottes dessen Willen verkündet und Gehorsam fordert, und dem „exemplarischen Propheten“, der durch sein eigenes Leben den Weg zum Heil zeigt. Die KI-Propheten sind weder das eine noch das andere. Sie verkünden keinen göttlichen Willen, sondern Marktnotwendigkeiten. Sie geben kein Vorbild, sondern verkaufen Anpassungswissen. Ihr Charisma ist geliehen – von der Technologie, die sie beschwören.

Ihre Autorität speist sich aus der Nähe zur Macht: Keynotes in Dubai, Beratungsmandate, Lehrstühle. Die Botschaft klingt kritisch – „Disruption kommt!“ – und ist doch affirmativ: Fügt euch! Lernt! Passt euch an! Die Prophezeiung ist selbsterfüllend. Wer oft genug verkündet, dass Skills wichtiger werden als Abschlüsse, trägt dazu bei, dass Abschlüsse entwertet werden. Die Propheten beschreiben nicht die Zukunft; sie produzieren sie mit.

Das Fließen, das sie predigen, ist ihr eigenes Geschäftsmodell. Die Keynote kostet; das Whitepaper generiert Leads; der Newsletter baut Reichweite auf. Die „Zukunft der Arbeit“ ist eine Ware, die sich gut verkauft – besser jedenfalls als die Gegenwart der Arbeit, die aus Prekarität, Erschöpfung und Sinnverlust besteht. Die Propheten selbst fließen nicht; sie kanalisieren. Sie stehen am Ufer und weisen anderen den Weg ins Wasser.

IV. Verdichtungszone – Die Formation des Disponiblen

Die Durchquerung legt eine Formation frei, die im Prophetendiskurs unsichtbar bleibt: den Disponiblen als idealtypische Figur spätkapitalistischer Subjektivität. Er ist das Schwarmpartikel, das sich für einen Einzelnen hält; der Augmentierte, dem die Amputation als Erweiterung verkauft wurde; der Fließende, der nie mündet. Seine Eigenschaften lassen sich negativ bestimmen – durch das, was ihm fehlt.

Dem Disponiblen fehlt der Boden. Wo das daoistische Wasser das Niedrigste sucht, um ins Meer zu münden, kennt der Disponible nur ziellose Zirkulation. Die „Veränderungsintensität und -geschwindigkeit“ erscheint als Naturgesetz, dem man sich anpassen muss, nicht als menschengemachte Konstellation, die sich ändern ließe. Der Boden ist immer schon weggespült.

Dem Disponiblen fehlt das Ufer. Heraklits Fluss hat Ufer – sie definieren ihn, geben ihm Richtung, unterscheiden ihn vom Meer. Der Disponible dagegen soll grenzenlos sein, immer bereit zur Re-Skilling, zur Transformation, zur Augmentation. Seine Identität wird zur Summe seiner momentanen Kompetenzen. Was gestern war, zählt nicht; was morgen sein wird, ist ungewiss.

Dem Disponiblen fehlt die Quelle. Das daoistische Wasser kommt von irgendwo und geht irgendwohin – es hat Herkunft und Bestimmung. Der Disponible dagegen soll seine Vergangenheit vergessen (formale Bildungsabschlüsse als „vergangenheitsbezogene Kompetenzen“) und seine Zukunft outsourcen (an KI-Systeme, die besser wissen, was gebraucht wird). Entwurzelt in beide Richtungen der Zeit.

Dem Disponiblen fehlt die Tiefe. Das Wasser sucht die Niederung, weil dort der Weg zum Meer führt – wer sich niedrig macht, dem strömt alles zu. Der Disponible aber soll an der Oberfläche bleiben, reaktionsschnell, anschlussfähig, signalempfindlich. Tiefe kostet Zeit; Zeit ist Geld; Geld ist knapp. Die „Micro-Certificates“ sind die institutionalisierte Oberflächlichkeit.

Die tiefere Ironie: Ein Diskurs, der „Alles ist im Fluss“ als Grundmelodie spielt, beschreibt in Wahrheit die Stillstellung des Menschen zum verwertbaren Modul. Das Fließen, das die Propheten meinen, ist nicht das freie Strömen des Wassers, sondern die gesteuerte Zirkulation des Kapitals. Der CV wird zum Portfolio, der Mensch zum Asset, die Bildung zum Investment. Die Verflüssigung dient der Verfügbarmachung.

V. Austritt – Offene Enden

Das Dérive endet mit einer Umkehrung. Das heraklitische Fragment lässt sich auch anders lesen: Nicht „alles fließt“, sondern „man steigt nie zweimal in denselben Fluss“ – die Betonung liegt auf dem Steigenden, nicht auf dem Fließenden. Der Mensch verändert sich, nicht nur der Fluss. Die Frage ist nicht, wie man im Fluss schwimmt, sondern wie man hineinsteigt – und ob man auch wieder heraussteigen kann.

Die daoistische Alternative erscheint nicht als Verweigerung der Veränderung, sondern als andere Qualität des Wandels. Hua (化), die daoistische Transformation, unterscheidet sich von bian (變), dem bloßen Wechsel. Hua ist organisch, entfaltet das, was angelegt ist, braucht Zeit, kommt zur Reife. Bian ist mechanisch, reagiert auf externe Reize, ist schnell, bleibt unreif. Der CV der Propheten dokumentiert bian – schnelle Anpassung an Marktbedürfnisse. Was verloren geht, ist hua – die langsame Reifung eigener Anlagen.

Das Konzept der Bleibefreiheit ließe sich als Gegenbegriff zur Disponibilität entfalten: nicht Stillstand gegen Bewegung, sondern Unverfügbarkeit gegen Verfügbarkeit; nicht Verweigerung von Wandel, sondern Wandel aus eigenem Grund; nicht Rückzug, sondern Tiefe. Wer zeitlich verwurzelt ist, muss nicht räumlich fixiert sein. Wer münden kann, muss nicht ewig fließen.

Eine weitere Durchquerung wäre möglich: durch das Terrain der „warmen Tätigkeiten“, die der Prophetendiskurs als letzte Bastion des Menschlichen ausruft. Empathie, Intuition, emotionale Intelligenz – all das, was sich (noch) nicht automatisieren lässt. Die Ironie ist bitter: Gerade die Fähigkeiten, die das Menschliche am Menschen ausmachen sollen, werden zum Marktvorteil umgedeutet. Auch die Wärme wird zur Ware.

Offen bleibt die Gegenfrage zur Keynote-Frage: Nicht „What will valuable resumes look like in the future?“, sondern „What would valuable lives look like in the future?“ – wobei „valuable“ hier nicht Marktwert meint, sondern etwas, das sich der Verflüssigung entzieht. Etwas, das bleibt.


Diese Formation ist durch diese Durchquerung aufgetaucht. Ein anderer Weg hätte andere Formationen erzeugt. Was hier sichtbar wurde, bleibt sichtbar – die Spannung zwischen dem daoistischen Fließen, das durch Niedrigkeit ins Meer mündet, und dem prophetischen Fließen, das nirgends mündet; zwischen Transformation, die reift, und Anpassung, die verbraucht; zwischen Bleibefreiheit und Disponibilität.

Von sab

Sascha Büttner
Seit mehr als 25 Jahren übt Sascha Büttner die Profession des Coaches sowie des Trainers in der Arbeitswelt aus, ist Taijiquan, Tai Chi und Qigong praktizierender und meditiert seit seinem 14. Lebensjahr. Zudem betätigt er sich als Fotograf, Herausgeber und Autor. Zeit seines Lebens folgt er dem Tao.
Sascha Büttner gründete und betreibt das metalabor, einen der kleinsten, deutschsprachigen Think Tanks.